Aus Stalag VII A wurde
Civilian Internment Camp No. 6
Während des II. Weltkrieges befand sich in Moosburg
ein großes Kriegsgefangenenlager, das Stammlager des
Wehrkreises VII (Stalag VII A). Wie alle anderen Lager
wurde auch das Lager Moosburg von den Siegermächten
nicht aufgelöst, sondern weiterverwendet. Der Name
wurde umgeändert in Civilian Internment Camp No. 6 der
3. US Armee in Moosburg (Zivil Internierungslager
Moosburg). Die Nr. 6, die auch vor der Häftlings-Nr.
stand, bedeutete, daß dies das Internierungslager Nr.
6 in der amerikanischen Zone war. In den Jahren 1947/48 war
die offizielle Bezeichnung Internierungs- und Arbeitslager
Moosburg.
Das Lager war in Blöcke eingeteilt. Ein Block
umfaßte etwa 2000 Internierte (möglicherweise
von Block zu Block unterschiedlich). Der Block 8 wurde
später als Sonderlager für die gefangenen
SS-Angehörigen eingerichtet. Beim Tor 3 befand sich
das Lazarett.
Das Antreten der Häftlinge zum Appell erfolgte auf
einem großen Platz im offenen Viereck. Die
amerikanischen Posten hatten die Maschinenpistolen
schußbereit im Anschlag, während von den
Wachtürmen die Maschinengewehre auf die Häftlinge
gerichtet waren. Der Blockleiter, der ebenfalls ein
Internierter war, meldete dem amerikanischen
Kommandoführer die Zahl der Gefangenen. Die Amerikaner
zählten dann selbst die Angetretenen.
Das ganze Lager war mit doppeltem Stacheldraht umgeben.
Zwischen dem inneren und äußeren
Stacheldrahtzaun lagen Berge von Stacheldraht. Auch im
Lagerinneren war wiederum jeder Block vom anderen durch
einen Stacheldrahtzaun getrennt. Die Blocktore durften
nicht durchschritten werden. Abends fuhr ein amerikanisches
Kommando mit einem Jeep von Block zu Block und
verschloß die Tore. Für die Häftlinge gab
es dann keinen Weg zum Lazarett. Wenn plötzlich jemand
lebensgefährlich krank wurde, konnte niemand helfen,
auch nicht die Ärzte, die unter den Gefangenen waren,
denn sie hatten ja weder Instrumente noch Medikamente.
Im Internierungslager Moosburg befanden sich mehr als
10000 deutsche Frauen und Männer, die meisten im
sogenannten Automatic Arrest. Jeder, der während des
Krieges eine Aufgabe innehatte, die er oft mit viel
Idealismus ausführte oder sich irgendwie in der Partei
engagierte, mußte damit rechnen, verhaftet zu werden,
z. B. alle Bürgermeister und ihre Stellvertreter,
HJ-Führer und BDM-Führerinnen, Leiterinnen der
Frauenschaft oder der Volkswohlfahrt, Führungspersonen
bei der Feuerwehr, Luftschutz usw. Wer in seiner
Berufsbezeichnung den Titel "Rat" oder "Kreis" trug, galt
offensichtlich als besonders gefährlich. So wurden
nicht wenige Studienräte schon allein wegen ihrer
Berufsbezeichnung verhaftet. Bei der Auswahl ging man nicht
sehr zimperlich vor. Oftmals reichte auch schon eine
Denunziation zur Verhaftung aus, um nach Moosburg zu
kommen. Auch hochschwangere Frauen wurden nach Moosburg
gebracht, die dann unter den primitivsten Umständen im
Lager ihr Kind zur Welt brachten. Im Lager befanden sich
l5jährige Jugendliche und 70- bis 80jährige
Greise. Priester waren dort ebenso interniert wie bekannte
Politiker und auch ganz einfache Leute. Manche wußten
wirklich nicht, warum sie dort waren.
Der Moosburger Häftling Friedrich Alfred Beck
schrieb am 29.4.1947 in sein Tagebuch:
In unserer Baracke
ist ein Mann, der nie Parteigenosse war, aber zu
Arbeitslager (drei Jahre und neunzig Prozent
Vermögenseinzug) verurteilt wurde, weil er nach dem
Kriege nationalsozialistische Äußerungen getan
haben soll. Aus seinem Spruchkammerurteil nur diesen
Satz: "N. N. hat oft seinen Hund geschlagen, was auf eine
Gesinnung schließen läßt, die den
Gewaltmethoden des Nationalsozialismus
entspricht."
Die Internierten lebten im Lager unter den primitivsten
Umständen. Das Wenige, das sie bei der Verhaftung noch
einstecken konnten, wurde meistens bei den Filzungen
abgenommen. So gab es im Lager kaum eine Uhr. Die
Internierten hängten deshalb im Lager Kartuschen auf,
an denen sie die Stunden anschlugen. Sie hatten kein
Eßgeschirr, keinen Löffel, kein Besteck, nicht
einmal ein Taschenmesser. Aus jedem verfügbaren
Abfallmaterial bastelten sie sich mit viel Geschick und
Einfallsreichtum die notdürftigsten Gegenstände
für das tägliche Leben. Die Essensträger
mußten das kärgliche Essen in alten
Scheißkübeln transportieren. Georg Miller aus
Pitzling hatte in den 2 1/2 Jahren seiner Lagerhaft
insgesamt zwei Hemden. Eines davon ist bis heute erhalten
geblieben und es ist eine einzige Stopfstelle. Aus einem
alten Büchsenöffner fertigte er eine
Nähnadel.
Josef Schranz, der spätere Bahnhofswirt von Murnau
entdeckte im Lager Moosburg aus der Not heraus seine
Fähigkeit zum Schnitzen. Um seine dünne
Wassersuppe ordentlich essen zu können, fertigte er
sich aus einem Abfallholz mit einer alten Rasierklinge
einen Löffel. Der Gegenstand war so beliebt, daß
er bald auch für seine Kameraden Löffel, Teller
und andere Gegenstände aus dem Abfallholz schnitzte.
Das Schnitzen ließ ihn sein Leben lang nicht mehr
los. 1986 ist er gestorben. In der Bahnhofswirtschaft in
Murnau sind seine Schnitzkünste heute noch zu sehen.
Sein erster Löffel aus dem Lager Moosburg wird von
seinen Töchtern aufbewahrt.
Jedes Stück Holz, jede Büchse, jedes
Stückchen Pappe und jeder Fetzen Papier hatte im Lager
einen besonderen Wert. Aber selbst das Besorgen solchen
Abfallmaterials war mit Schwierigkeiten verbunden.
F. A. Beck schrieb am 28.6.1945 in sein Tagebuch:
Gestern Abend waren
einige Kameraden zu einer leerstehenden Baracke gegangen,
um dort brauchbares Material zu besorgen. Der
amerikanische Posten hat auf die Männer geschossen.
Nun wurde eben mitgeteilt, daß unser ganzer Block -
mindestens 1000 Mann - für das "Organisieren" der
Kameraden mit völligem Essenentzug für drei
Tage bestraft werden soll.
Eintrag am 29.6.1945:
Wegen des bereits
mitgeteilten Vorfalles bekommt der ganze Block 2 Tage
(nicht wie zuerst angedroht 3 Tage) nichts zu essen. 1000
Mann müssen hier hungern, weil einer ein Verbot
übertrat, das er gar nicht kennen konnte, weil es
niemals ausgesprochen worden war.
Die Angehörigen blieben lange Zeit ohne Nachricht.
Den Internierten wurde bekanntgegeben, daß das
Herausschmuggeln irgendwelcher Nachrichten aus dem Lager
mit dem Tod bestraft würde. Die erste offizielle
vorgedruckte Nachricht durften die Internierten Ende
Dezember 1945 an ihre Angehörigen geben. Ab Februar
1946 war es erlaubt, einmal im Monat einen kurzen
zensierten Brief auf vorgedrucktem Papier zu schreiben.
Alle ehemaligen Moosburger Häftlinge
bestätigten übereinstimmend, daß die
Verpflegung im Lager immer sehr schlecht war. Eine
Verbesserung der Situation erfolgte erst, als die
Häftlinge Pakete empfangen durften. Viele Internierte
sind im Lager verhungert. Manchmal wurden die an
Unterernährung Sterbenden noch kurz vor ihrem Tode
entlassen, was sich auf die Todeszahlen der Lagerstatistik
natürlich positiv auswirkte.
F. A. Beck schrieb in seinem Tagebuch am 8.7.1945:
Beim gestrigen
Appell ist eine Reihe von Kameraden in der Front
zusammengeklappt. Und gerade jetzt bringen sie einen in
unsere Baracke, der auch ohnmächtig wurde.
Schwäche infolge Nahrungsmangel wird die Ursache
sein.
22.7.1945:
Ich las am Schwarzen
Brett, daß 2 Kameraden gestorben sind. Einer durch
Vergiftung an Wasserschierling, den er für
eßbares Wildgemüse hielt. Im Lager sterben ist
ein trostloser und unglücklicher Tod.
Eintrag am 24.12.1945:
Die Weihnachtszeit
hat allerlei Hoffnungen auf Sonderzuteilungen erweckt,
aber wir wurden enttäuscht. Nur diese
Sonderzuteilung: Je Person zusätzlich ein
achtundzwanzigstel - man lese richtig: ein
achtundzwanzigstel - Brot, dazu heute abend 2 gr. Tee
für jeden.
26.12.1945:
Die Verpflegung ist
nie so schlecht gewesen wie in den Weihnachtstagen: beide
Male eine schmutzige graue Suppe, in der nur einige Reste
von Kartoffelschalen schwammen. Fast alle Kameraden haben
von diesem scheußlichen Zeug Magen- und
Darmschmerzen bekommen.
Quelle:
|