Moosburg Online: www.moosburg.org Stalag VII A
Internierungslager: Zeitzeugen


Wilhelm Rott

Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung von Bettina Rott.

Dietrich Bonhoeffer

Ansprache unseres ersten Lagerpfarrers Wilhelm Rott (nun Superintendent in Koblenz) auf der Rüstzeit in Moosburg am 25./27. Juni 1945 in Moosburg

Liebe Brüder und Schwestern !

Ich darf heute zu Euch sprechen über Dietrich Bonhoeffers Vermächtnis an seine Kirche und an sein Volk. Ich möchte ein Wort aus dem Johannes Evangelium über das, was ich sage, stellen. Joh.12/24: „Das Weizenkorn muss in die Erde fallen und sterben, sonst bleibt es allein. Wo es aber erstirbt, da bringt es viele Früchte.“

Um den 9.April dieses Jahres sind hin und her Bonhoeffer Gedenkfeiern gehalten worden, denn es jährte sich der 20.Jahrestag seines gewaltsamen Todes. Ich darf heute in Moosburg darüber sprechen, das hat eine tiefe Bedeutung. Im Juli vor 20 Jahren auf dieser Lagerstrasse, die man ja als einzige klar wieder erkennen kann, wart mir damals die Todesnachricht zuteil. In meinem Block lernte ich einen Münchner Bankier, kath. Konfession kennen, seinen Namen habe ich nicht mehr behalten, und in einem Gespräch stellte ich fest, dass er bekannt war mit den Kreisen aus München. –Prälat Neuhäusler, Dr. Josef Müller [1], die Bonhoeffer kannten aus seiner letzten Zeit des Krieges, aus seiner Tätigkeit in der Abwehr. Und als ich erfuhr, dass dieser junge Bankier für einen Tag –das gab’s damals- Urlaub bekommen hatte, bat ich ihn doch in München sich zu erkundigen nach dem Schicksal Dietrich Bonhoeffers. Ich werde es nie vergessen –es war ein ebenso ganz heißer Tag wie heute, als ich ihm auf der Lagerstrasse begegnete. Ich blicke ihn an, er blieb stehen und blickte mich an. Er sagte: „Erschrecken Sie nicht, Bonhoeffer ist tot, noch zuletzt von der SS ermordet.“ Ich weiß nicht, ich habe wohl diese Nachricht einige Tage für mich behalten, ehe ich sie einigen Brüdern weitergab. Wir mussten ja feststellen, keiner von denen, mit denen wir schon nahe zusammen waren, kannten seinen Namen. Ein Beispiel, wie verborgen die uns bewegenden Dinge sich damals abgespielt hatten, im 3.Reich. Also in Moosburg war es, wo ich die Nachricht bekam, dass, wie sich später herausstellte, Bonhoeffer hier ganz in der Nähe in Bayern den Weg zur ewigen Freiheit, wie er ihn ja in seinem bekannten Gedicht „Stationen“ beschrieben hatte, eben in Flossenbürg, zu Ende gegangen ist und zwar am 9. April.

Nur ein paar Bemerkungen über das, was wir heute über sein Ende wissen: Er war ja seit April 1943 verhaftet, lange Zeit im Tegeler Gefängnis, die schützende Hand seines Onkels, des Stadtkommandanten von Berlin, des General v. Hasse war damals noch über ihm, dann kam er nach der Aufdeckung des Zossener Aktenfundes zur Gestapo Prinz Albrechtstrasse, nach dem 20.Juli 1944 und dann im neuen Jahr 1945 über Buchenwald der Abtransport der Prominenten nach dem Süden. Es ging dann der Wagenpark über Dachau nach dem Bayrischen Wald. Am weißen Sonntag, einige wissen es ja, Ostern war damals der 1.April, kamen sie nach abenteuerlicher Fahrt –in Widerstand und Ergebung wird es ja geschildert- in dem Schulhaus in Schönberg im bayrischen Wald an und man glaubte schon, allem entronnen zu sein. Bonhoeffer wurde am weißen Sonntag noch gebeten, von den Sippenhäftlingen –aber auch von Kokorin, dem Neffen von Molotow, von Atheisten, von Katholiken auch von

Payne Best, dem englischen Fliegeroffizier, der später dem……..geschrieben hat-, ihnen doch eine Andacht zu halten.

Er tat es mit der Losung des 9.April und dem Lehrtext, den wir gestern gehört haben: „Gelobt sei Gott der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung.“ Kaum hatte er seine Ansprache beendet, als zwei Gestalten hereinkamen in Zivil: Gefangener Bonhoeffer, fertig machen, mitkommen. Er konnte eben noch Payne Best Grüße für den Bischof Bell auftragen und sagte ihm: „Das ist das Ende – für mich der Beginn des Lebens.“ Es ging zurück nach Flossenbürg. Man hatte festgestellt, dass aus Versehen Bonhoeffer, der dort abgeladen werden sollte, weitergefahren worden war. In der Zwischenzeit waren die Schergen von Berlin auf allerhöchsten Befehl dort angekommen mit der Aufforderung, ein Standgericht durchzuführen. Die Namen derjenigen, die nicht überleben sollten, standen fest und wir wissen ja, dass dann in der Nacht zum 9.April nach ihm gesucht worden ist. Ein Rechtsanwalt, der das Buch „Erinnerungen“ geschrieben hat1, war auch noch dort in Flossenbürg. Mehrfach wurden die Türen aufgerissen: „Sind Sie Bonhoeffer“, - er war es nicht- Bonhoeffer war schon in die andere Zelle geliefert worden. Wir wissen aus einem späteren Verfahren und Aussagen der Zeugen und des Lagerarztes etwas über die letzte Stunde. Er schildert. „Durch die halbgeöffnete Tür eines Zimmers im Barackenbau sah ich vor Ablegung der Häftlingskleidung Pastor Bonhoeffer in innigem Gebet mit seinem Herrgott knien, die hingebungsvoll und erhörungsgewisse Art des Gebetes dieses ausserordentlich sympathischen Mannes hat mich auf das Tiefste erschüttert. Auch an der Richtstätte selbst verrichtete er noch ein kurzes Gebet und bestieg dann mutig und gefasst die Treppe zum Galgen…Ich habe in meiner fast 50jährigen ärztlichen Tätigkeit kaum einen Mann so gottergeben sterben sehen.“ In derselben Nacht ist dann auch Canaris, Oster, Sack, Thomas, sind diese Männer des Widerstandes hingerichtet, ihre Leichen verbrannt worden. Der Galgen und eine Handvoll Asche auf dem großen Aschenhügel hinter der jetzigen Gedächtniskapelle zu Flossenbürg, das ist alles –kurz vor der erwarteten Befreiung, man hörte schon die Kanonen der Amerikaner donnern. Wenig vorher schrieb der Ermordete, fast vorausahnend, in seinem Versuch über den Tod des Mose: „Der die Sünde straft und gern vergibt, Gott, ich habe dieses Volk geliebt. Dass ich seine Schmach und seine Lasten trug und sein Heil geschaut, das ist genug. Halte, fasse mich! Mir sinkt der Stab, treuer Gott, bereite mir mein Grab.“

Dem körperlich gequälten Paul Schneider durften wir auf den Höhen des Hunsrück das Grab bereiten. Für den aus der Mitte des Lebens und Hoffens uns gewaltsam Entrissenen, den Mann ohne Menschengrab, durften wir Ostern 1953 in der Kirche von Flossenbürg eine Gedenktafel aus Flossenbürger Marmor, aus den Steinbrüchen, die die Sklavenarbeit der Tausenden von Todeskandidaten aus aller Herren Länder sahen, enthüllen. Sie kennen die Inschrift: „Dietrich Bonhoeffer Ein Zeuge Jesus Christi unter seinen Brüdern Geb. 4.2.1906 in Breslau Gest. 9.April 1945 in Flossenbürg.“ Das Weizenkorn ist in die Erde gefallen, ist verwest, zu Staub und Asche geworden. Aber dieses Ende des Zeugen hat seinem Zeugnis eine unvergleichliche Durchschlagskraft gegeben. Wir dürfen heute die Früchte sehen, die nur wenigen Lehrern der Kirche beschieden sind. Eine Generation ist inzwischen heran- gewachsen, die Bonhoeffer und die Zeit, die ihn herausforderte nicht kennt. Aber wenn einer, so kann er eine Brücke schlagen. Darum bin ich dankbar, dass heute einige Jüngere unter uns sind, denn alles, was er sagt und schrieb ist Saat auf die Zukunft. Bonhoeffer war ein Mensch, wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung. Seine Freunde und ich selbst haben oft gestaunt, manchmal gelächelt, wie optimistisch er seine persönliche Lage bis zuletzt immer wieder beurteilte. Das wird aus seinen Gefängnisbriefen aus Widerstand und Ergebung deutlich. Da war nichts von Katastrophenstimmung in seinem an der Jahreswende 1942/43 kurz vor der Gefangennahme geschriebenen Rückblick auf 10 Jahre Kirchenkampf zu spüren. Ich möchte diesen Rückblick als sein Vermächtnis in einem besonderen Sinne nennen, aus ihm sind auch die 3 Stücke, die wir eben hörten, wenn man nichts von ihm kennt, sollte man diese 20 Blätter lesen. Da gibt es auch den Abschnitt „Optimismus“ Dort heißt es: „Den Optimismus als Willen zur Zukunft soll niemand verächtlich machen, auch wenn er hundertmal irrt. Es gibt Menschen, die es für unernst halten, auf eine bessere Zukunft zu hoffen und sich auf sie vorzubereiten. Mag sein, dass der Jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gerne die Arbeit für eine bessere Zeit aus der Hand legen. Vorher aber nicht!“

Dietrich Bonhoeffers Vermächtnis! Das Vermächtnis eines Lehrers der Kirche -und er war ja ein Lehrer der Kirche- besteht einmal in der Wirkung der vorgetragenen Lehre auf seine Schüler; und so kurz diese Lehrtätigkeit war, so ist diese für viele junge Theologen von nachhaltiger Wirkung gewesen. Dann besteht ein solches Vermächtnis in dem schriftlichen Niederschlag seines Forschens und Lehrens, der letztere ist bedeutend. Mit 21 Jahren bereits schrieb er seine Dissertation über ‚Sanktorum communio Gemeinschaft der Heiligen –Beiträge zur Soziologie der Kirche’, 1930 habilitierte er sich mit dem Buche Akt und Sein. Sein bedeutendstes Werk ist, wie viele ja wissen, die ‚Nachfolge’, gedruckt 1937. Seine ‚Ethik’ hat er nicht mehr vollenden können. Was jetzt vorliegt sind bedeutsame Vorarbeiten, die sein Lebenswerk werden sollten, Werke, die zur bleibenden Auseinandersetzung zwingen, die man interpretieren kann, wie man andere wissenschaftliche Werke interpretiert. Anders steht es mit seinen Briefen und Äußerungen aus den beiden Jahren der Gefangenschaft. In Widerstand und Ergebung gesammelt – persönliche Bekenntnisse verdichten sich hier zu revolutionären Ausblicken und Forderungen. Diese Briefe und Aufzeichnungen haben am stärksten weit über den theologischen und kirchlichen Umkreis gewirkt und viele Fernstehende zum aufmerken gebracht. Man kann nur wünschen, dass dieses Gedenkjahr noch viele in den Bann seiner Analysen und Visionen –möchte ich sagen- ziehen und zu ernster, kritischer Auseinandersetzung bewegen möchte. Bei Bonhoeffer gehören Person und Werk in einzigartiger Weise zusammen. Das ist bei großen Zeugen wohl immer der Fall, aber ich wüsste keinen theologischen Lehrer unserer Zeit, bei dem sich diese Verbindung der Einheit so fest gefügt hätte, wie bei ihm. Darum kommt den wenigen noch Lebenden, die das große Glück gehabt haben, in der Nähe Bonhoeffers arbeiten zu dürfen, die Aufgabe zu, den Nachkommenden bei der rechten Verwaltung und Auswertung des Vermächtnisses einen Dienst zu leisten.

Die Stufen auf dem Wege zur ewigen Freiheit, jenes Gedicht aus dem Gefängnis unmittelbar vor dem 20. Juli 1944 geschrieben, markieren die Stationen, Zucht, Tat, Leiden, Tod. Und in diesen Stationen nicht nur den Lebensweg des Zeugen, sondern auch den Weg des Zeugnisses selbst und damit die Themen und Schwerpunkte seiner denkerischen Arbeit. Ich darf nun einiges übergehen, was ich seinerzeit in Bonn gesagt habe, wo ich 1931 im Sommer zum ersten Male Dietrich Bonhoeffer persönlich kennen lernte. Ihn, der von einem Studienjahr aus den Vereinigten Staaten zurückkehrte und, bevor er seine Lehrtätigkeit in Berlin begann, sich auf den kontinentalen Hochschulen über den Stand der Theologie kundig machen wollte, in diesen außerordentlich lebendigen Jahren, die später schlecht gemacht worden sind –es gab kaum eine Zeit, die geistig so lebendig war wie die zwischen dem ersten Weltkrieg und 1933. Gerade auch durch den großen Aufbruch in der Theologie. Dann habe ich ihn erst wieder 1935 gesehen, in der Zwischenzeit lag ja das für uns alle und auch für Bonhoeffer entscheidende Jahr 1933. Bonhoeffer gehörte zu den ersten Opponierenden in der Preußischen Kirche, die die Dinge klar gesehen haben. Damals, als man den Arierparagraphen einführte, sagte er, jetzt kann ich ein Pfarramt in Deutschland, das zu den Privilegien der Arier geworden ist, nicht mehr antreten. Er ging dann, was ihm Barth etwas verübelt hat, für 1 1/2 Jahre an die deutsche Gemeinde nach London. Es war auch gut, dass er dort war, denn er war derjenige, der jetzt schon frühzeitig ökumenische Beziehungen anknüpfen konnte, sein väterlicher Freund war der Bischof von Chichester Dr. Bell, von dem wir noch hören werden. Er hat auch von draußen allerhand tun müssen gegen die offizielle Reichskirche und das kirchliche Außenamt unter der Leitung von Bischof Häckel. Dann aber holte ihn, nachdem in Deutschland die beiden großen Bekenntnis Synoden stattgefunden hatten, -die von Barmen und Dahlem- die Konstituierung der Bekennenden Kirche. Der preußische Bruderrat beauftragte ihn mit der Leitung eines der fünf Predigerseminare, die damals entstanden, bezahlt lediglich aus den Gaben der Gemeinden, also bezahlt und unterhalten von der Leitung der Bekennenden Kirche, die niemals die Legalität gehabt hat, die neben der amtlichen Kirche bestand und die vor allen Dingen ja genötigt war die Kirchenleitung, das wichtigste Stück der Kirchenleitung auszuüben, nämlich die Ausbildung, Prüfung, Ordination der jungen Theologen, der sog. jungen Brüder. Man musste, wir bewundern das heute, gegen den Widerstand aller fünf solche Predigerseminare einrichten. Finkenwalde ist mit dem Namen Bonhoeffers nun verknüpft. Ich weiß noch gut, damals berief man mich dorthin an seine Seite als Inspektor und wir trafen uns in Berlin. Wie das so war, der Preußische Bruderrat, die Leitung sagte: Ihr beide habt die Leitung, nun sucht euch ein Predigerseminar. Wir reisten nach Zingst, dieser Ostseeinsel und fanden ein Freizeitenheim dort am Strand und konnten von dort aus peilen, wo wir eine Bleibe fanden. Wir fanden die Bleibe in Finkenwalde bei Stettin an der Buchheide. Das war Bonhoeffers schönste Zeit, diese Jahre der Leitung des Predigerseminars – und ich könnte nun sehr viele schöne Bilder entwerfen: Die Lehrstunden dort am Strand, oder wie er plötzlich abgerufen wurde von dem Präses Koch, er müsse nach London fahren – ich war dann mit den Kandidaten alleine und verzapfte ihnen die Kathechetik und das Kirchenrecht oder sonst was. Und dann kam das Flugzeug und wir wussten, da ist Dietrich drin. Er war aus London, aus den Besprechungen mit Bell wieder zurück und musste dem Präses Bericht erstatten. Er war als ein ausgezeichnet englisch sprechender Mann so der Berater in ökumenischen Fragen geworden, eben schon in jungen Jahren.

Dieses Predigerseminar in Finkenwalde hat ja eine gewisse Berühmtheit erlangt, dadurch, dass hier Versuche gemacht wurden des gemeinsamen Lebens. Und wir haben vor vielen Jahren auf einer unserer Rüstzeiten hier dieses Gemeinde Leben –heute noch im Kaiser Verlag zu haben- studiert, weil Bonhoeffer Versuche machte, die ihren bleibenden Wert haben. Ich persönlich muss bekennen, dass ich nie einen Menschen kennen gelernt habe, der eine solche pädagogische Gabe hatte wie Bonhoeffer. Ein früherer Lehrer von mir sagte, -den ich in Königsberg anlässlich einer Visitation traf,- na, dann scheint ja in Finkenwalde der Nürnberger Trichter wieder gefunden zu sein. Bonhoeffer war ein Mann einer ungeheuren wissenschaftlichen Breite und Begabung, aber auch ebenso großer pastoraler Leidenschaft. Und damals ist in dem halben Jahr sehr gearbeitet worden, die jungen Brüder, auf denen ja die ganze Last des Kirchenkampfes im Norden lag, bekamen hier noch einmal eine Zurüstung, ehe sie nun in ihre einsamen Stellen geschickt wurden, wo sie von der Gestapo bedrängt, meistens im Osten, ohne Rückhalt in den Gemeinden und ohne eine größere Gemeinde arbeiten mussten, viel schwerer als etwa die Situation der jungen Brüder im Rheinland und in Westfalen. Ich war selbst dort 2 Jahre in Finkenwalde und auch diese Tatsache hat dazu geführt, dass ich sehr bald mit unserem verehrten Bruder von Eickstedt hier in Moosburg Kontakt bekam, denn zu seinem Erstaunen kannte der Rheinländer Pommern sehr gut, wir waren auf der Volksmission sehr oft in den Gutshöfen………(Bandwechsel)

…..wenn der ganze Krampf wegfiel ja, ist er noch der richtige.

Christliche Bruderschaft steht von vorneherein fest, nämlich zwischen mir und dem Bruder steht Christus. Nicht seelische Liebe, so heißt es dort, die das Leben des anderen in die Hände nimmt, sondern geistliche Liebe ist gefordert, die das Bild erkennt, das Christus im anderen prägen will. So zielt alle echte Gemeinschaft auf die Freigabe des anderen für Christus. Oder, wer nicht allein sein kann – Bonhoeffer hatte die Gabe präziser knapper Formulierungen, wer nicht allein sein kann, der hüte sich vor der Gemeinschaft, wer nicht in der Gemeinschaft steht, der hüte sich vor dem Alleinsein. Ende 1937 musste das Finkenwalder Seminar verlassen werden, in der Zwischenzeit war, das was damals wenig bekannt geworden ist, der Ring um die sog. Bekennende Kirche immer fester geworden, der sog. Himmler Erlass verbot jetzt jede Ausbildungsarbeit, Finkenwalde wurde geschlossen, es ging in die Katakomben. Das hieß damals, es ging in die pommerschen Wälder, in verlassene Forsthäuser, wo die Arbeit des Seminars bis in die ersten Kriegsjahre hindurch weiter geführt wurde. Wir werden das alles lesen können, wenn im nächsten Jahr die Biographie herauskommt, -jetzt sind ja schon die gesammelten Werke in 4 Bänden da-, alle die Briefe, die Bonhoeffer in großer Treue an die Kandidaten geschrieben hat, die einberufen wurden. Die illegalen Kandidaten der Bekennenden Kirche durften ja nicht Kriegspfarrer werden, sondern sie sind alle an die Front gekommen und der größte Teil ist gefallen und es ist wunderbar, wie Bonhoeffer jedem einen Nachruf gewidmet und den Angehörigen geschrieben hat. Das zum Äußeren. Die Tatsache, dass er nun dieses illegale Seminar leitete, brachte ihm ein, dass ihm die Universitätskarriere verboten, die vena legendi entzogen wurde, die er zum Teil in Finkenwalde ausübte. Aber er hat später immer wieder gesagt, dass es die schönste Arbeit gewesen sei, diese Ausbildungsarbeit, die man ihm anvertrauen konnte.

Und nun möchte ich, weil mein Thema ja nicht eigentlich heißt „Das Leben Bonhoeffers“, wer darüber etwas wissen will, der mag gerade von der Gemeinde Moosburg einen Brudergruß mitnehmen, wo ich meinen Beitrag in dem Buch „Begegnungen“ (Kayser Verlag) zur Verfügung gestellt habe, da kann man nachlesen, damit ich jetzt nicht zu wiederholen brauche.

Bonhoeffer hat mal gesagt, er werde nicht alt werden, 37 Jahre sei genug. Seiner Generation sei es nicht vergönnt, ein ganzes Lebenswerk reifen zu lassen und zum Abschluss zu bringen. In seinem Brief aus dem Gefängnis vom 21.2.1944 schreibt er, das Wort ist bekannt geworden, es kommt nun darauf an, ob man dem Fragment, dem Bruchstück unseres Lebens noch ansieht, wie das Ganze eigentlich gemeint war. Wenn unser Leben nur ein entfernter Abglanz eines Fragmentes ist, in dem wenigstens eine kurze Zeit lang die sich immer stärker häufenden verschiedenen Themata zusammenstimmen und in dem der große Kontrapunkt vom Anfang bis zum Ende durchgehalten wird, so dass schließlich nach dem Abbrechen höchstens noch der Choral: „Vor deinen Thron tret ich allhier“ intoniert werden kann, dann wollen wir uns auch über unser fragmentarisches Leben nicht beklagen, sondern daran sogar froh werden. Wir, die wir jetzt bei unserer Zusammenkunft wieder festgestellt haben, nun ja, wir sind 20 Jahre älter geworden und sehen anders aus, 37 Jahre war man zum Teil, als man in Moosburg anfing, wir haben nun mit diesem Älterwerden fertig zu werden, wir empfinden das, was hier gesagt wird. Nun fragen wir uns, welches sind diese Themata, von denen Bonhoeffer sagt, sie müssen deutlich werden in unseren Intonationen? Ich möchte 3 Themen nennen –es ist einmal das Thema Kirche, zweitens das Thema Welt und das dritte Thema, -ja man kann es schlecht nennen, es findet sich in den Äußerungen, die heute zum Teil Erstaunen und Erregung in vielen sehr christlichen Blättern hervorrufen-, Verlassenheit der Welt, das Thema ist: die mündige Welt. Für einen, der Bonhoeffer nicht kennt, ist es jetzt etwas schwer, sich dies vorzustellen, Bonhoeffer, wie stellt er sich uns eigentlich jetzt dar? Man findet einen mönchischen Bonhoeffer, in Finkenwalde gemeinsames Leben, gregorianisches Singen, von dem er einmal gesagt hat: „Wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen.“ Versteht Ihr, was da gemeint war? Damals nämlich im 3.Reich haben viele gesagt, wir ziehen uns zurück in die Liturgie –gregorianisch singen. Bonhoeffer hatte für diese Dinge auch Sinn, er kannte die anglikanischen Klöster, aber er sagte, es ist nichts mit dem Rückzug in die bekannte Innerlichkeit, Pietisten und Liturgiker. Wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen. Das war so ein kleines Diktum. Bonhoeffer konnte so etwas ganz kurz formulieren, während andere darüber große Kapitel schreiben. Barth hat einmal Bonhoeffer einen visionären Denker genant, dem plötzlich etwas aufgeht, dem er dann lebhaft Form gibt, um nach einiger Zeit, man wusste nicht endgültig oder bis auf weiteres- Halt zu machen bei irgendeiner letzten vorläufigen These. Die ihn persönlich kennen wissen, dass Bonhoeffer ein Mann starker systematischer, dogmatischer Kraft war, sein Herz schlug bei der Ethik Das ist sozusagen sein Lebenswerk Er sagte, in unserer verworrenen Zeit, in der alle Maßstäbe verschwinden, gilt es jetzt ganz neu zu fragen nach dem Willen Gottes: „Was sollen wir tun?“ Er setzte dann bei ganz konkreten Fragen ein. Einmal, 1935, hielt er eine Predigt über das Wort: „Wir wissen nicht, was wir tun sollen, aber unsere Augen schauen nach dir.“ Und diese Schau auf ihn, auf sein Wort, die sollte in dem Leben Licht geben, und für ihn war die Wahrheit die in Jesus Christus offenbar geworden Wirklichkeit, die in diese Welt eingegangen ist. Bonhoeffer hat die Wahrheit in Christus und die Welt nicht voneinander getrennt, sondern er sagt, die Wahrheit Gottes umfasst versöhnend die Welt. Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selbst. Auch all’ die, die diese Versöhnung nicht sehen und anerkennen. Gott ist viel größer als unser Erkennen und Denken. Das ist der große Atemzug, die Welt ist durch Christus versöhnt, hat einen Sinn auf Christus hin bekommen. Auch die Welt der Gottlosen. Das ist das Thema der Kirche. Ich muss mich kurz fassen. Bonhoeffer hat die sichtbare Welt geliebt, obwohl, nicht das stabile Kirchentum von Bayern oder Württemberg, wo sein Vater herkam (Schwäb. Hall), oder des Rheinlandes, oder Westfalens, sondern die arme Altpreußische Union von Berlin, Brandenburg und Pommern. Er hätte niemals von dieser sichtbaren Kirche, der Kirche der Konsistorien, von einer Bruchbude geredet. Ich war erstaunt, dass er später auch all denen, die seine geistlichen Vorgesetzten waren, mit großer Ehrerbietung gegenüber trat, wenn er ihnen auch zehnmal geistig überlegen war. Wir sahen ja schon, seine Erstlingsarbeit ist ein Versuch über die Soziologie der Kirche, also über die sichtbare Kirchen und damals hat er schon herausgefunden, dass das Gesetz der Kirche –Gemeinschaft der Heiligen- die Stellvertretung ist. Das setzt sich durch. Wie Christus an unsere Stelle trat, für uns die Dinge in Ordnung brachte, so ist es die Aufgabe der Kirche. Das Sein der Kirche ist Stellvertretung. Die zwei oder Drei treten stellvertretend für die Millionen ein. Und er sagt, darin besteht die Proexistenz, die stellvertretende Existenz, in der entsagungsvollen Arbeit für den Nächsten. Heute, nach vielen Jahren, hat man formuliert: Dienst, -Neudelie. Dann in der gegenseitigen Spendung der Sündenvergebung im Namen Gottes und vor allem in der Fürbitte, die Bonhoeffer außerordentlich ernst genommen hat. Das ganze Thema der Stellvertretung wird durchgehalten. Und vor allem eins, Aufgabe der Kirche –so sagt es der 21jährige- ist die Schuldübernahme. Wir kommen zu dem Thema von heute Morgen. Wir haben da gehört, wir überwinden den Mangel an Zivilcourage in dem Glauben an den Gott, der kein Fatum ist, sondern der von uns aufrichtige Taten und aufrichtiges Gebet will, aber nicht nur beten, sondern Gebet und Tat und wir selbst dann, wenn wir in bestimmten Situationen schuldig werden, wenn wir den Willen Gottes tun und darüber schuldig werden, gar nicht anders können, als den Willen Gottes tun. Kirche übernimmt die Schuld, die Schuld der Welt. Dazu ein paar Sätze. Ich hätte es nicht getan, wenn ich heute Nachmittag noch zu Wort hätte kommen können. Bonhoeffer hat kurz vor der Gefangenschaft für die Zeit –Optimismus!- nach dem Zuendegehen des Spukes einige Manifeste formuliert –er hat sie dem Graf von Beck übergeben- wenn dann die Kirche noch da ist, das könnte sie verkündigen Wort an die Pfarrer, Wort an die Gemeinden und dann hat er gesagt, als erstes muss die Kirche ein Schuldbekenntnis ablegen. Die Kirche bekennt, ihre Verkündigung von dem einen Gott, der sich in Jesus Christus für alle Zeiten offenbart hat und der keine anderen Götter neben sich leidet, nicht offen und deutlich ausgerichtet zu haben, sie bekennt ihre Furchtsamkiit, ihr Abweichen, ihre gefährlichen Zugeständnisse. Sie hat ihr Wächteramt und ihr Trostamt oftmals verleugnet. Sie hat dadurch den Ausgestoßenen und Verachteten die schuldige Barmherzigkeit oftmals verweigert. Sie war stumm, wo sie hätte schreien müssen, weil das Blut der Unschuldigen zum Himmel schrie. Sie hat das rechte Wort in rechter Weise zu rechter Zeit nicht gefunden. Sie hat dem Abfall des Glaubens nicht bis zum Blut widerstanden und hat die Gottlosigkeit der Massen verschuldet. Das sagt er –ja, man wird sagen, ist das nicht zuviel gesagt? Sollten hier einige ganz Gerechte sich erheben und beweisen wollen, dass nicht die Kirche, sondern gerade die Anderen die Schuld träfe? Wollten etwa einige Kirchenmänner dies als grobe Beschimpfung von sich weisen und in der Anmaßung, berufenere Richter der Welt zu sein, das Maß der Schuld hier und da wägen und zuteilen? War denn die Kirche nicht nach allen Seiten gehindert und gebunden? Stand nicht die ganze weltliche Gewalt gegen sie? Durfte denn die Kirche ihr Letztes, ihre Gottesdienste, ihr Gemeindeleben gefährden, indem sie den Kampf mit den antichristlichen Gewalten aufnahm? Wir hören die Stimme, so spricht der Unglaube, der im Bekenntnis der Schuld nicht die Wiedergewinnung der Gestalt Jesu Christi, der die Sünder der Welt trägt, erkennt, sondern nur eine gefährliche moralische Degradierung. Das freie Schuldbekenntnis ist ja nicht etwas, das man tun oder auch lassen könnte, sondern es ist der Durchbruch der Gestalt Jesu Christi in der Kirche, den die Kirche an sich geschehen lässt, oder aber aufhört, Kirche Christi zu sein Wer das Schuldbekenntnis der Kirche erstickt oder verdirbt, der wird in hoffungsloser Weise schuldig an Christus.

Indem die Kirche die Schuld bekennt, entbindet sie die Menschen nicht vom eigenen Schuldbekenntnis, sondern sie ruft sie in die Gemeinschaft des Schuldbekenntnisses hinein. Nur als von Christus Gerichtete, kann die abgefallene Menschheit vor Christus bestehen. Unter dieses Gericht ruft die Kirche alle, die sie erreicht. Dies ist die Stimme Bonhoeffers zu unserer heutigen Diskussion.

Kirche –Proexistenz. Kirche der Oekumene, damals ein Wort, das kein Mensch verstand, das heute Modewort ist. Bonhoeffer hat in seinem berühmten Aufsatz, ‚Bekennende Kirche- Ökumene’ damals schon diese werdende Ökumene, die ja nur ein Zweckverband war, gerufen, stellt Euch zu den in Deutschland getroffenen Entscheidungen, zu Barmen und Dahlem. Das war utopisch, er hat es erkannt, die Kirche muss in diesem Sinne Kirche werden, in dem sie die in Deutschland in Barmen getroffene Entscheidung anerkennt. Sie muss dazu Stellung nehmen, ein Glied leidet, so leiden die anderen Glieder mit, ihr müsst Ja oder Nein sagen. Für ihn war das Evangelium, das in Barmen bezeugt wurde, eine kostbare Perle und er sagt, solange dieses Evangelium, das wir damals bekannt haben als Gottes Wort nicht widerlegt wird, solange mich nicht einer daraus entbindet, bin ich gebunden. Während dies ja die Not unserer Kirche ist und aller Kirchenmänner: „Hier stehe ich, ich kann auch anders.“ 1934 ging dies ja noch, aber 1936 da hatte der Staat eingegriffen, Kirchenausschüsse, schwierig, aussichtslos, kann man nicht an Barmen vorbeigehen? Nein, dann musst du mit der Heiligen Schrift beweisen, dass wir uns damals geirrt haben, sonst nicht. Nicht aus zweckmäßigen Gründen. „Wer sich von der Bekennenden Kirche trennt,“ ich entsinne mich noch an den Schrei der Entrüstung bei allen Bischöfen und Generalsuperintendenten aus dem Rheinischen, „trennt sich vom Heil.“ Bonhoeffer hat das so herausfordernd formuliert. Ich will jetzt darüber nicht sprechen, aber er hat gemeint, wenn die Kirche das Evangelium bekennt und Kirche ist sie nur als sie Trägerin des Wortes ist, wenn man sich von diesem Worte löst, von dem man einmal gesagt hat, das ist Gottes Wort, dann kann ich mich nicht einem anderen Kirchenregiment, das die Irrlehre duldet, unterstellen. Wenn ich mich wissentlich von der Bekennenden Kirche trenne, trenne ich mich vom Heil. Dahinter steht bei Bonhoeffer etwas, was er in der Heiligen Schrift, im Neuen Testament, unterstreicht –die Zucht- und das, was er in seinem Buch Nachfolge beschrieben hat, formuliert hat –die teuere Gnade. Der Protestantismus geht sehr leicht mit der Gnade um, mit der Vergebung. Billige Gnade, Gnade als Lehre, Gnade als Richtigkeit. Er missbraucht Luthers Wort „Vor dir niemand sich rühmen kann, es muss sich fürchten jedermann und deiner Gnade leben.“. Das haben wir immer so gesungen. Aber wie Kierkegaard –und das nimmt Bonhoeffer auf- wäre das billige Gnade, wenn ein Student im 1.Semester sagen würde, na ja, so mit Faust, ich weiß, dass wir nicht wissen können; wenn er es nach einem 50jährigen Gelehrtenleben sagt, dann ist das in Ordnung. Wenn ich also sage, es ist all’ unser Tun umsonst, auch in dem besten Leben, das muss ich sagen am Schluss und nicht am Anfang. Also die teure Gnade, die Gott das Leben gekostet hat, kostet auch mir das Leben, Gnade ist nur dann wirklich Gnade, wenn sie mich in die Nachfolge, wenn sie mich in den Gehorsam hinein ruft. Der ganze Protestantismus hat gesagt, wir haben immer die Gnade verkündet, ihr seid brave Bürger, jetzt geht wieder und macht alles mit und seid eurem Scheich gehorsam, es ist egal. Der ganze Dienst ist weggefallen, das ganze Nachdenken, man hat das Heiligungsleben wie der Pietismus nur auf die Seel und auf den kleinen Zirkel bezogen: aber keine Nachfolge im weltlichen Leben. Also teure Gnade!, ist ihr Brautgeschmeide, sagt er später. Und dann die Formulierung: der Glaubende ist gehorsam, und nur –jetzt schrie wieder alles- nur der Gehorsame glaubt. Er sagt, man muss den ersten Schritt tun, dann kann man glauben. Man kann sozusagen nicht glauben, wenn man im Bett liegen bleibt, man muss den ersten Schritt tun. Gott vergibt, jawohl, aber das formuliere ich jetzt, das steht in meinem Manuskript –teure Gnade befreit zu neuem Gehorsam, neuer Haltung, es ist alles zugedeckt, aber die Gnade packt mich und nun heißt es: „Nimm dein Bett und wandle, gehe hin, sündige hinfort nicht mehr.“

Friedensfrage
Bonhoeffer war ein Mann des absoluten Friedens. In Farnö, auf der ökumenischen Konferenz sagte er, 1934, als alles hier noch an Hitler glaubte, der Europa befrieden würde: Wenn wir, die Christenheit der Welt nicht im Glauben und Gehorsam gegen Gottes Gebote handeln und Friedfertigkeit säen, werden wir schuldig am Blut unserer Brüder. Ich frage mich, wenn Bonhoeffer das erkannt hat und viele andere, wir hätten es, wenn wir bruderschaftlich beisammen geblieben wären, wenn wir uns hätten mahnen und trösten lassen bei den richtigen Leuten, wir hätten es auch wissen können.

Kirche!
Ökumenische Kirche, Kirche der Nachfolge, der Bergpredigt. Selig sind die Friedfertigen, die Frieden stiften! Diese Kirche – das andere Thema ist die Welt

Welt

Bonhoeffer hat sich immer gegen die Zweiteilung der Welt gewehrt. Zwei Räume? Nein! Christus ist der Herr der Welt, der ganzen Welt. Haupt der Kirche, Herr der ganzen Welt. Zur Nachfolge, das war ihm ganz klar, gehört die Verantwortung auch im weltlichen, auch im politischen Bereich, nicht nur in seinem stillen Kämmerlein. In der Rundfunkpredigt hat er bereits 1933 als Studentenpfarrer gewarnt vor dem Führer als Verführer. Er sagte: „Der echte Führer führt das Volk zu den wahren Autoritäten des Vaters, des Lehrers, des Richters zurück und tritt dann ab.“ Er hat ganz klar, es war da nie ein Schwanken, im SS Staat die grundsätzliche Zerstörung des Rechts gesehen. Revolution des Nihilismus. Er hat oft gesagt: „Warum sollen nur die schlechten Leute Revolution machen?“ 1933 hat er geschrieben, ich kann das nur kurz andeuten, aber es wird dann wohl auch klar für die Jüngeren, er sagte, wenn ich sehe, wie ein verrückt gewordener Fuhrmann einen Wagen den Hang herunterrollen lässt und wenn ich sehe, dass welche unter die Räder kommen, dann ist es mein Aufgabe, nicht als Christ den Mann zu beerdigen, sondern dem Rad in die Speichen zu fallen. Die Bischöfe sagten damals nein, das ist weltlich, das ist politisch, dem Rad in die Speichen fallen, das ist Revolution, nein! Er sagt, zur Nachfolge gehört nicht nur Wunden verbinden und beerdigen, sondern dem Rad in die Speichen fallen. Ich glaube, man kann es sehr viel gelehrter ausdrücken, für ihn war das letztlich der Grund, dass er sagte: aus christlicher evangelischer Verantwortung bin ich zu einem aktiven Handeln im weltlichen Bereich gezwungen. „Sollen nur immer die Schlechten Revolution machen?“ Und so zeigt sich bei ihm -es ist eigentlich ganz toll- dass der Pazifist zum Widerstandskämpfer geworden ist und das zweifellos als der theologische Berater all’ der Leute. Er hat es durchaus für möglich gehalten, dass man Hitler gefangen nimmt und hinrichtet. Damit steht er in einer guten christlichen Tradition, dass, wenn eine Obrigkeit verrückt wird, tyrannisch wird, wahnsinnig wird, zwar dann nicht eine wilde Sache, sondern dann sollen die nächsten Verantwortlichen –die klassische Lehre vom Widerstandsrecht- diese sollen sagen: „Wir sind jetzt Obrigkeit in dieser Not, wir haben das Recht, jetzt ein Urteil zu fällen.“ Sie müssen dann aber dazu bereit sein, nicht zu knallen, sondern auch die Verantwortung zu übernehmen. Dinge, die dem lutherischen Protestantismus völlig fern gelegen sind, wir sind in diesen Fragen noch lang nicht fertig.

Bonhoeffer hat auch nicht gesagt, die Kirche soll hier etwas sagen. Er ist in dem Augenblick, wo er sich dafür entschied, aus der aktiven Arbeit ausgeschieden, die ja auch faktisch beendet war. Sondern er hat alleine diesen Grenzfall durchgestanden, der ohnegleichen ist in unserer Tradition. 1939 wurde er von guten Freunden in Amerika eingeladen, die wollten, da der Krieg nahte, ihn retten. Er hatte dort einen Ruf als Professor und war dort kaum angekommen, da merkte er: ich muss wider zurück, ich spüre sofort, das war eine falsche Entscheidung. Er sagte. Ich verspiele mein Recht, am Wiederaufbau mit zu wirken, wenn ich das Ende der Katastrophe nicht mit meinen Brüdern erlebe. Bestieg das Schiff, -die Professoren rannten ihm nach, sie hatten es zum Teil nicht verstanden- und fuhr zurück. Er hat damals in der Losung gelesen: „Ich bin ein Gast auf Erden“ und hat gemerkt, bisher war mein Denken Fremdlingsherrschaft, der Christ ist ein Fremdling, ich gehöre in die Una sancta hinein, in die Gemeinschaft der Kirche. Ich bin ein Gast auf Erden, treu zu seinem Volk. Ich habe dieses Volk geliebt und wir wissen ja, wie es dann weiter gegangen ist. Er ist diesen Weg gegangen in Treue, -auch wie er meint ein Stück Nachfolge- zu dem Volk, Bekenntnis zur Erde, Bekenntnis zur Diesseitigkeit. Das letzte kann ich nun nicht mehr sagen, das, was viele beunruhigt. Wir haben nun –ich will es ganz frei sagen- aus Widerstand und Ergebung eine ganze Reihe von Briefäußerungen, wo dieser Gefangen, dieser helle Geist ringt. Was wird werden? Vor dem Blick in die Zukunft und da kommt ihm z.B. der Gedanke, die Kirche, auch die Bekennende Kirche, die sich im Norden so wacker geschlagen hat, hat im Grunde doch eigentlich immer mehr –von Ausnahmen abgesehen, von denen wir heute morgen gehört haben,- um ihre Selbsterhaltung gekämpft, als ob sie ein Selbstwert wäre. Kirche aber, so sagt er, ist Kirche für die Welt. Wie Christus der Mensch für andere war, sind die Christen Menschen für andere. Und er hat aus dem Gefängnis heraus dann ganz revolutionäre Ausblicke gestellt. In seinem Taufbrief an seinen Patenjungen hat er gesagt: „Bis du groß bist, wird sich die Gestalt der Kirche verändert haben. Die Kirche, die um ihre Selbstbehauptung kämpft, hat das Wort nicht mehr und alle ihre Worte werden kraftlos und verstummen und unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen.“ Und er sagt: „Die Umschmelzung ist noch nicht zu Ende, und jeder Versuch, ihr vorzeitig zu neuer organisatorischer Machtentfaltung zu verhelfen, wird nur eine Verzögerung ihrer Umkehr und Läuterung sein. Und dann endet er prophetisch, visionär, es ist ja nicht eingetroffen, die Dinge sind ja anders gelaufen im Westen. „Es ist nicht unsere Sache, den Tag vorauszusehen, - an dem wieder Menschen berufen werden, das Wort Gottes auszusprechen, dass sich die Welt darunter verändert und erneuert. Es wird eine neue Sprache sein, vielleicht ganz unreligiös, aber befreiend und erlösend, wie die Sprache Jesu, dass sich die Menschen über sie entsetzen und doch von ihrer Gewalt überwunden werden, die Sprache einer neuen Gerechtigkeit und Wahrheit, die Sprache, die den Frieden Gottes mit den Menschen und das Nahen seines Reiches verkündet.“ Jeremia 33: „Sie werden sich verwundern und entsetzen über all dem Guten und über all den frieden, den ich ihnen geben will. Er sagt weiter: “Das christliche Leben wird in Zukunft kein religiöses Leben sein“, im Sinne eines Abschwingens in das Jenseitige und das Individuelle, in das Seelenleben, sondern er sagt: „ das christliche Leben wird sein ein Teilhaben, ein weltliches Leben.“ Ein Teilhaben an der Not und an der Verheißung. Wir werden erkennen den Menschen, der nun heute einfach in seinem Forschen, in seinem Tun nicht mehr Gott begegnet, der auch ohne Gott sterben kann, wie die SS tapfer ohne Gott gestorben ist. Das ist die tiefe Gottverlassenheit der Welt. Ganz richtig, wie sie im Osten sagen: Wir sind in die Stratosphäre geflogen und haben keinen Gott gefunden und wenn wir in die Tiefe herabsteigen, erst wenn wir an Gott glauben, werden wir ihn in der Tiefe unserer Seele finden. Also, Bonhoeffer hat zuletzt die Gottlosigkeit der Welt ganz tief empfunden. Und zwar gerade diese gottlose Welt, wo wir keinen Menschen irgendwie mit Apologetik zum Glauben mehr zwingen können, wo wir nicht mehr wie Thomas von Aquin sagen können: „Wir leben alle von der Vorraussetzung einer Annahme Gottes.“ Er sagt, das ist nicht mehr. Und trotzdem diese gottlose Welt, -das haben wir zu verkündigen-, lebt vor Gott. Oder ganz krass ausgedrückt, was Nietzsche sagte: Gott ist tot, der Gott der abendländischen Metaphysik, aber Christus lebt! Und von dieser Wirklichkeit des Lebens Jesu Christi, des Gekreuzigten und Auferstandenen in der Welt erst kann es wieder zur Gottesgewissheit kommen.

Diese Dinge sind eine ungeheure Hilfe für die im Osten, wo der Jugend ja gepredigt wird, die Wissenschaft beseitigt den Gott, den man euch bisher verkündigt hat, -der Mann mit dm Bart, den man feststellen kann, nein nein, nirgendwo begegnet dir Gott, das ist die Gottlosigkeit der Welt und nun vom Evangelium her: diese gottlose Welt ist von Gott angenommen. Das sind die letzten Visionen Bonhoeffers.Aber es sind Visionen. Er ringt mit diesen Dingen, er möchte sich mit jemandem darüber aussprechen – er ist gefangen. Heute nach 20 Jahren merken wir erst, wie die Saat aufgeht, sicherlich von Falschen missbraucht, aber diesen Fragen müssen wir uns stellen, gerade wir Frommen und schade, dass ihr Moosburger nicht 30 Jahre jünger seid, dass wir alle damit noch einmal anfangen könnten. Hier ist nämlich viel gesagt von Bonhoeffer aus, es nützt nichts, wenn ich so predigen würde, wie vor 20 Jahren. Die neue Sprache, unter der sich die Welt verändert, die muss uns geschenkt werden aus einem gemeinsamen Leben. Wir werden vielleicht lange schweigen müssen, lieben müssen, dann kommt die neue Sprache, opfern müssen. Das ist der letzte Bonhoeffer – der Gefangene! Nun denken wir noch einmal daran, wie er über diesem Denken, wie er diese ganze gottlose Welt, die moderne Welt dennoch in den Armen des Gekreuzigten sieht. In seiner Todeszelle betet und dann die Stufen zum Galgen herauf steigt. Wir wollen nicht die Gräber der Propheten schmücken, wir wollen Gott nicht als Lückenbüßer –wie er sagt- für unser noch unvollkommenes Wissen benützen, wenn wir so sagen, wenn wir nicht mehr weiter kommen, dann muss Gott einspringen! Nein! Gott in der Mitte des Lebens, der wahre Gott. Und nun, das Glaubensbekenntnis haben wir gehört. Bonhoeffer hat gewusst, das letzte wozu Christus uns befreit hat, das ist die große Freiheit. Lasst mich schließen: „Freiheit, dich suchten wir lange, in Zucht und in Tat und in Leiden. Sterbend erkennen wir nun im Angesicht Gottes dich selbst.“

[ 1 ] Dr. Josef Müller, konnte in die Schweiz fliehen, Gründer der CSU.

* Quellen:

  • E-Mail von Bettina Rott, Neckargemünd, an Moosburg Online, März 2006.

    Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung von Bettina Rott.

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